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Kurze Rede

Schnüffelstaat Schweiz

Hundert Jahre sind genug

von

 

1990 – Mariella Mehr

Kurze Rede

Ich könnte mir glücklichere Gründe vorstellen, hier in meinem Kanton glücklich aufzutreten und zu reden. Ich könnte mir eine öffentliche Rede beispielsweise als Geste der Versöhnung vorstellen, dann nämlich, wenn der Regierung dieses Kantons endlich für eine vorbehaltlose und menschlich vertretbare Wiedergutmachung der am jenischen Volk begangenen Verbrechen und für die schonungslose Öffnung der Pro Juventute-Dossiers mit den diesen systematischen Völkermord beweisenden Inhalten zu danken wäre. Dass ich es nicht tun kann, weil die Regierung des Kantons Graubünden, trotz gegenteiliger Lippenbekenntnisse, alles tut, um das Ausmass der am jenischen Volk begangenen Verbrechen zu vertuschen, erfüllt mich mit Trauer und Zorn. Das Wissen, mich nicht nur in Pro Juventute-Akten oder in den familienpsychiatrischen Akten der kantonalen Kliniken Waldhaus und Beverin als Minderwertige und Erbkranke ganz im Geiste nationalsozialistischer Tradition, als Angehörige des Fahrenden Volkes registriert, bespitzelt und verleumdet wiederzufinden, sondern auch in andern Archiven Graubündens oder der Bundesanwaltschaft als Kulturschaffende und politisch Tätige, kann kein Trost sein. Dieses Wissen jedoch entbehrt nicht einer gewissen Ironie, solidarisiere ich mich doch mit meinem heutigen Auftreten auch mit jenen, vom kantonalen und Bundesstaatsschutz als potentielle Staatsfeinde erfassten Parlamentarierinnen und Parlamentariern, die ihren politischen Auftrag als Vertreterinnen und Vertreter auch der jenischen Bürgerinnen und Bürger des Kantons Graubünden bis heute nicht erfüllt haben. Mit Bitterkeit denke ich an unsern aussichtslosen Kampf gegen die verleumderische Dissertation des heutigen Direktors der psychiatrischen Klinik Waldhaus, Benedikt Fontana, mit Bitterkeit an unsere erfolglosen Bemühungen, die menschenverachtenden, ehrverletzenden, familienpsychiatrischen Akten der beiden kantonalen Kliniken dem Zugriff der Verantwortlichen zu entziehen, und mit Bitterkeit vermerke ich, dass wir von den Volksvertreterinnen und -Vertretern auch heute noch im Stich gelassen werden, wenn es um die vorbehaltlose Herausgabe der verbrecherischen Pro Juventute-Dossiers geht. Es sind dies Akten ähnlicher, wenn nicht noch entwürdigenderer Art als jene, die sie in ihren Fichen und Dossiers vorfinden werden. Braucht es einen Skandal von solchem Ausmass, bis wir begreifen, dass wir uns nur gruppenübergreifend und solidarisierend, ungeachtet der sozialen Herkunft, Hautfarbe und Parteizugehörigkeit, gegen die Arroganz der Macht zur Wehr setzen können? Braucht es diesen Schock, um endlich zu lernen, uns gegenseitig zu schützen, zu schützen vor den Übergriffen jener, die, vom Volk in ihre Ämter gewählt, diesem Volk zu dienen haben? Braucht es die Schnüffelaffäre, eine eigentliche Regierungskrise, bis wir uns unserer demokratischen Rechte und Pflichten erinnern? Zu dieser Pflicht gehört auch, Schwächere zu schützen, ihnen Solidarität zu erweisen, wo ihre Menschenwürde mit Füssen getreten wird. Das gilt nicht nur für die Jenischen, es gilt auch für Flüchtlinge, sozial Benachteiligte und nicht zuletzt alle jene, die eine andere, gerechtere Welt ohne Machtmissbräuche seitens der Volksvertreter und ihrer Helfer, der Beamten, für sich reklamieren. Sie alle sind möglicherweise als potentielle Staatsfeinde registriert, zusammen mit Parlamentarierinnen und Parlamentariern, mit Kulturschaffenden und Intellektuellen, die ihre demokratischen Pflichten ernst genommen und als mündige Bürgerinnen und Bürger verantwortungsbewusst gehandelt haben und handeln. Mit ihnen solidarisiere ich mich nicht nur als Kulturschaffende in einem Land, für dessen Regierung Kulturschaffende offenbar generell potentielle Staatsfeinde sind, sondern auch als Angehörige des jenischen Volkes, das auf solche Ungeheuerlichkeiten besonders sensibel hinzuhören geradezu gezwungen ist. (…)

Gekürzte Rede an der Kundgebung «Schluss mit dem Schnüffelstaat» vom 1. März 1990 in Chur.

 

Dieses buch & netz Online-Buch basiert auf dem Werk «Schnüffelstaat Schweiz» welches im Jahre 1990 vom Komitee Schluss mit dem Schnüffelstaat im Limmat Verlag Zürich publiziert wurde und mittlerweile vergriffen ist. Die Inhalte des Buches werden mit freundlicher Genehmigung des Limmat Verlages und des Vereins grundrechte.ch, der Nachfolgeorganisation des Komitees Schluss mit dem Schnüffelstaat, online der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Alle Rechte vorbehalten – © 1990 Limmat Verlag Genossenschaft, Zürich

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