Top Navigation

Der Souverän ist so wach wie schon lange nicht mehr

Schnüffelstaat Schweiz

Hundert Jahre sind genug

von

 

Gerold Späth

Der Souverän ist so wach wie schon lange nicht mehr

Unser freiheitlicher Rechtsstaat ist seinen Steuermännern bös aus dem Ruder gelaufen und arg zu Schaden, wenn nicht gar auf groteske Weise abhanden gekommen. Sicherheitsbesessene Regierende und ihre Dunkelmänner haben unsere Demokratie über jedes Mass strapaziert und verbogen. Ein kürzlich ergangenes Urteil belehrt uns aber, dass hierzulande nicht die demokratiefernen Bosse, sondern allenfalls deren Sekretärinnen Verantwortung zu tragen haben. Jetzt ist das ehedem buspere Mädchen Helvetia abgeschminkt. Und wenn es ihr nicht gelingt, sich von ihren alten Gespenstern schnell und radikal loszumachen, wird sie als ein rechter Popanz in ihr achtes Jahrhundert hinüberrutschen.

Was Wunder, dass das Publikum den Verrenkungs-Artisten unter der Bundeskuppel nicht mehr traut und nichts mehr glaubt und in Massen aus diesem Staatstheater hinausläuft? Was Wunder, wenn die Schweiz – mitten in einem neuen, aufbruchbereiten Europa – politisch und kulturell zu veröden droht?

Ich habe genug von den machtbesoffenen Machenschaften jener Dunkelmänner, die eine Demokratie zu schützen vorgeben, die sie nie gemeint und nie begriffen haben. Ich habe genug von den beamteten Bundesspitzeln und ihrem Rudel frei wildernder Zuträger und Denunzianten. Ich habe genug von diesen unsäglichen Zauberlehrlingen und ihren hysterischen Bedrohungsfantasien.

Nach den Erfahrungen der letzten Zeit stellt sich die Frage, ob die derzeit Regierenden und ihre Macher und Mitmacher überhaupt fähig sind zu begreifen, was angerichtet wurde und was jetzt los ist im Land. Es stellt sich die Frage, wie lange noch versucht wird, gleichsam als nichtendenwollendes Regierungsprogramm Schweizer Demokraten mit fadenscheinigen Billigangeboten für Schweizer Dummköpfe zu verkaufen.

Wir sind nicht nur das Volk.

Wir sind, so tönt es immer wieder, wir sind hier der Souverän.

Der Souverän, meine Herren Regierende, ist über staatlich inszenierte, mit seinen Steuergeldern finanzierte Schweinereien gestolpert.

Der Souverän, meine Herren Regierende, ist darob so wach geworden, wie schon lange nicht mehr.

Der Souverän, meine Herren Regierende, wünscht, dass auch Sie endlich erwachen und Konsequenzen ziehen, die dieser Bezeichnung wert sind. Der Souverän, meine Herren Regierende, wünscht hier und heute, dass der Dunkelmännerstaat im Staat rigoros ausgeleuchtet und hernach abgeschafft werde. Der Souverän stellt die Frage nach dem fundamentalen Unterschied im Staatsverständnis der jederzeit und überall einflussnehmenden Klasse und der einflussarmen, sogenannten breiten Masse. Und ich, meine Herren Regierende, erlaube mir zum Schluss die schlichte Frage, ob es noch irgendeine läppische Unbedarftheit oder zynische Ungeheuerlichkeit gibt, auf die Sie und Ihre Macher und Mitmacher noch nicht gekommen sind.

Rede an der Kundgebung «Schluss mit dem Schnüffelstaat» vom 3. März 1990 in Bern

 

Dieses buch & netz Online-Buch basiert auf dem Werk «Schnüffelstaat Schweiz» welches im Jahre 1990 vom Komitee Schluss mit dem Schnüffelstaat im Limmat Verlag Zürich publiziert wurde und mittlerweile vergriffen ist. Die Inhalte des Buches werden mit freundlicher Genehmigung des Limmat Verlages und des Vereins grundrechte.ch, der Nachfolgeorganisation des Komitees Schluss mit dem Schnüffelstaat, online der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Alle Rechte vorbehalten – © 1990 Limmat Verlag Genossenschaft, Zürich

Dieses Buch kaufen
No comments yet.

Schreibe einen Kommentar