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Zwischenbericht aus der Werkstatt ‹Igelherz›

Schnüffelstaat Schweiz

Hundert Jahre sind genug

von

 

Hans Rudolf Hilty

Zwischenbericht aus der Werkstatt ‹Igelherz›

Die Anfrage, ob ich einen Text beitragen wolle zum Buch «Schnüffelstaat Schweiz» spürt ins Zentrum meiner Arbeit. Ich muss antworten mit einem Zwischenbericht aus der Werkstatt.

‹lgelherz› heisst ein Projekt, meine Erinnerungen an die Kriegsjahre zu formulieren und zu hinterfragen. Jahrgang 1925, war ich Kantonsschüler der zweiten Gymnasialklasse, als der Krieg ausbrach; bei Ende des Krieges war ich Student. Das Erwachsen-Werden und das Bewusst-Werden der Zeitgenossenschaft ergaben, eigenartig parallelisiert, ein neugieriges Fragen als Grundtenor. Ich lebte als Schüler in St. Gallen (also an einem Ort weit ausserhalb des Réduits), habe mir aber Schritt für Schritt ein eigenes Bild der Schweiz gemacht, vor allem radfahrend, auch wandernd. Zum Beispiel bin ich als Sechzehnjähriger mit dem Rad zu den Feiern ‹650 Jahre Eidgenossenschaft› in die Innerschweiz gefahren und habe da sehr spezifische Erinnerungen.

In meinem Buch Zuspitzungen steht ein Text «Über den Bodensee», der ein paar dieser Erinnerungen antönt. Dass ich hier weiterbohren und so etwas Eigenes leisten muss, ist mir immer klarer zum Bewusstsein gekommen, je mehr nun (natürlicherweise) jüngere Historiker und Publizisten, die nicht mehr von eigenen Erinnerungen ausgehen können, über jene Jahre nachdenken und schreiben. Die wissenschaftliche Nachbereitung, von Edgar Bonjour bis Markus Heiniger, ist auch für den Umgang mit den eigenen Erinnerungen fruchtbar. Es ergeben sich nützliche Korrekturen. Zum Beispiel glaubte ich lange, die Stimme von General Guisan beim Rütli-Rapport im Ohr zu haben. Das war nicht möglich; ich war auf dem Rütli nicht dabei, und eine Radio-Aufzeichnung gab es nicht. Was habe ich mir da eingebildet? In meinem Ohr war die Stimme Guisans von der Neujahrsansprache am Radio, ein paar Monate später.

Die Menschen aus dem Welschland, aus Genf oder Neuenburg, die im Mai 1940 (während des Frankreich-Feldzugs) plötzlich in St. Gallen auftauchten, unter dem Vorwand von Familienbesuchen oder Geschäftsreisen, sind aus meiner Erinnerung nicht zu tilgen, aber es gibt sie nicht in der zeitgeschichtlichen Literatur (da gibt es nur jene, die sich von Osten nach Westen oder von Norden nach Süden absetzen wollten). Dafür erfahre ich aus der Literatur, dass deutsche Pläne ausgearbeitet wurden (Operation Tannenbaum), die Schweiz nach dem Sieg über Frankreich vom Jura her ‹aufzurollen›; demnach hätten die Genfer und Neuenburger, die in St. Gallen auftauchten, also recht gehabt. Wie kommen da Erinnerung und Recherche zusammen?

Oder der Vorfall, der bei Bonjour «Racheakt deutscher Saboteure» heisst: «In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni 1940 reisten zehn Personen, acht deutsche Reichsangehörige und zwei Schweizer Bürger, bei Konstanz, Kreuzlingen und Martinsbruck illegal in die Schweiz. Sie waren in Berlin instruiert worden, mit spezieller Sprengladung namentlich die Flugplätze Dübendorf, Thun, Biel, Lausanne und Genf, sowie die Munitionsfabrik Altdorf zu zerstören.» Dank der Aufmerksamkeit eines Schweizer Lokomotivführers wurde der ‹Racheakt› vereitelt. Bonjour schreibt auch: «Obgleich sich die Presse über den Sachverhalt ausschwieg, wurde er doch in weiten Kreisen bekannt; die Öffentlichkeit interessierte sich lebhaft für den Fall.» Dazu meine Erinnerung: Nachdem die ersten, noch unbestimmten Gerüchte kamen, gab es in unserer Schulklasse (damals dritte Gymnasialklasse) zwei Parteien: Die eine Partei deutete den Vorfall so, wie er dann durch Gericht und Geschichtsschreibung beurteilt wurde. Die andere Partei (und ich dabei) aber meinte, das müssten doch eher heimliche Hitlergegner gewesen sein, welche die Flugplätze in der Schweiz unbrauchbar machen wollten – unbrauchbar als Landeplätze für einen deutschen Angriff.

Die Erinnerung, hat – im Gegensatz zur nachrecherchierten Zeitgeschichte – eine Dimension menschlicher Offenheit, die für mich selber immer wieder irritierend ist. Diese Offenheit müsste sich schriftstellerisch niederschlagen: ‹Igelherz› war der Titel. Und als im vergangenen September Werkaufträge an Schriftstellerinnen und Schriftsteller ausgeschrieben wurden, ‹im Rahmen der Aktivitäten zur 700-Jahr-Feier›, reichte ich mein Projekt ein und erhielt rasch eine Zusage. Dass durch meine Erinnerungen der Bogen geschlagen wird zur 650-Jahr-Feier, in ganz persönlicher Optik, mag mitgespielt haben. Aber ich gehe davon aus, die Mitglieder der Jury seien auch durch meinen Bezug zum Generalthema ‹Utopie› überzeugt worden. In meiner Eingabe: «Das Leitthema Utopie spielt dabei eine doppelte Rolle: einerseits als Fragestellung (also zum Beispiel: wieweit war die Vorstellung ‹viersprachige Schweiz› je eine Utopie?), andererseits als eine Art erzählerischen Rahmens.

Mit Utopie, mit der utopischen Perspektive des Erzählen-Könnens, hatte ich mich beschäftigt. Was mir aber für den Fortgang meiner Arbeit den utopischen Erzähl-Rahmen erst recht nötig gemacht hat, war die Wahrnehmung des Schnüffelstaats. Die Erklärung «Keine Kultur zur Feier des Schnüffelstaats» habe ich mit Überzeugung unterschrieben. Es war mir auch klar, dass meine eigene Arbeit mitbetroffen sein wird, wenn die Unterzeichner der Erklärung sich vorbehalten wollen, die CH-700-Projekte zu boykottieren, «falls bis Ende Jahr nicht alle Registrierten volle Einsicht in Fichen und Akten erhalten und die Polizei ihrer Schnüffelaufgabe entledigt ist».

Wie sehr sich damit die Werkstatt-Atmosphäre meines Schreibens veränderte, ist mir erst nach und nach in Monaten unergiebigen Basteins, bewusst geworden. Sich der Erinnerung zu überlassen und dabei stets die Frage im Kopf: Was von deinem erinnerten Leben ist von der Polizei registriert?, das geht nicht. Da gibt es ganz neue Grenzerfahrungen. Und eben: Da kann die Vorstellung eines utopischen Erzähl-Rahmens sich als handwerklich möglicher (‹eleganter›) Ausweg empfehlen.

Der aktuelle Stand des Projekts: Die Erinnerungen werden zu Papier gebracht; sie können jedoch, den gegenwärtigen Umständen nach, nicht fertig werden. In unfertigem Zustand (teils in Ich-Form, teils in Er-Form, teils als Gespräch) werden sie am 1. August 1991 dem Kustos des Museums für Helvetische Altertümer, Departement des Innersten, übergeben. Er wird – so meine utopische Vorstellung – den Text herausgeben, in einem Jahr ohne Jubiläum, in einer Zeit ohne Schnüffelpolizei.

Das Ganze (Erinnerungs-Text und utopischer Erzähl-Rahmen zusammen) wird sich Roman nennen lassen. Titel ‹Igelherz›.

 

Dieses buch & netz Online-Buch basiert auf dem Werk «Schnüffelstaat Schweiz» welches im Jahre 1990 vom Komitee Schluss mit dem Schnüffelstaat im Limmat Verlag Zürich publiziert wurde und mittlerweile vergriffen ist. Die Inhalte des Buches werden mit freundlicher Genehmigung des Limmat Verlages und des Vereins grundrechte.ch, der Nachfolgeorganisation des Komitees Schluss mit dem Schnüffelstaat, online der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Alle Rechte vorbehalten – © 1990 Limmat Verlag Genossenschaft, Zürich

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