Top Navigation

Vom Spitzel-Chaffeur zum PUK-Mitglied

Schnüffelstaat Schweiz

Hundert Jahre sind genug

von

 

Hans Fässler

Vom Spitzel-Chaffeur zum PUK-Mitglied

Wie Ernst Rüesch junge Spitzel zum Einsatzort fuhr

Leiht Euer Ohr nun, Genossen, den Worten des fahrenden Sängers, Der Euch berichtet, was einst in den frühen Siebzigerjahren Sich im Lande der kleinen Männer ereignet; und zweifelt Nicht am Gehalt seiner Worte, denn damals gehörte der Sänger Selbst zu jenem verruchten Geschlechte der Cinceriden, Glaubte mit ihnen an rote und äusserst verderbliche Fäden, Die von den Toren des Kremls gen West nach Ostberlin liefen, Dort den Vorhang aus Eisen durchquerten und via Zürich Unsre Gefilde erreichten mit einem einzigen Ziele: Schändlich und heimlich den freien Westen zu unterwandern.

Anfangs der achtziger Jahre habe ich eine alte Geschichte poetisch verarbeitet. «Jagdszenen aus dem Appenzeller Vorderland» hiess damals ein Stück in meinem Kabarettprogramm. Heute will ich die ganze Sache in Prosa darstellen: eine Illustration zum schweizerischen Schnüffelstaat, ein Beitrag zur Mentalitätsgeschichte des Kalten Krieges, ein Stück meiner Biographie.

Im Winter 1969/70 hatte der politisch-gesellschaftliche Aufbruch, der allgemein mit ‹Mai 68› etikettiert wird, auch die Ostschweiz erreicht. In St. Gallen bildeten sich fortschrittliche SchülerInnen- und Lehrlingsgruppen, in der Aktion Rotes Herz erreichte die Bewegung an der Kantonsschule St. Gallen einen ersten Höhepunkt. Auch die Gegenseite begann sich zu organisieren: Kantonsschüler, Lehrer und Studenten mit dem Herz auf dem ‹rechten› Fleck schlössen sich zu losen Gruppierungen zusammen und entfalteten eine rege ‹staatsschützerische› Tätigkeit. Am 25. März 1970 referierte Cincera-Intimus Hans Scharpf aus Zürich in einem Lehrerzimmer an der Kantonsschule über «Die Strategie der Neuen Linken», am 5. Mai 1970 sprach Ernst Cincera auf Einladung der Staatsbürgerlichen Gesellschaft in der Aula der Kantonsschule über «Hintergründe, Organisation und Taktik der radikalen Studentenbewegung».

Ich war damals ein sechzehnjähriger Gymnasiast, ein braver und guter und interessierter Schüler, aber ziemlich unpolitisch und auf der Suche nach einem Weltbild (wie wohl die meisten meines Alters). Als Mitschüler an mich herantraten und mich fragten, ob ich nicht in ihrer Gruppe mitmachen wolle, fühlte ich mich geschmeichelt. Der Kreis, in dem ich mich dann für einige Zeit bewegte, war nämlich recht illuster zusammengesetzt: Man traf sich im Hause von Salcia Landmann (jüdische, rechtsbürgerliche Schriftstellerin), in der Gruppe verkehrten Leute wie Sohn Valentin Landmann (später rechter Studentenpolitiker an der Uni Zürich, heute Rechtsanwalt und Hell’s-Angels-Verehrer), Dr. Peter Streuli (als Lateinlehrer, Offizier und späterer FDP-Gemeinderat stets an vorderster Front gegen «jene Kreise, welche als Wühlmäuse am Staatsgebäude nagen»), Adrian Rüesch (damals Klassenkollege, Sohn des späteren Regierungsrates und heutigen FDP-Ständerates Ernst Rüesch, heute Major im Generalstab, Präsident der Offiziersgesellschaft der Stadt St. Gallen und Sekretär des st. gallischen Anwaltsverbandes) sowie Konrad Hummler (damals Schülerratspräsident, Sohn des FDP-Stadtammanns Dr. Alfred Hummler, inzwischen ebenfalls strammer Offizier und Präsident des Trumpf Buur). Mein Vater fand schon damals, diese ‹Mehrbesseren› seien kein Umgang für mich; das sagte ihm wahrscheinlich sein Instinkt als Büezer, obwohl er kein Linker war. Das Ganze blieb denn auch eine relativ kurze Episode, nach einiger Zeit verlor ich das Interesse an dieser Art von Freizeitbeschäftigung.

Immerhin war ich lange genug dabei, dass ich mich an jenen Samstag im November 1970 erninnern kann. Das Ganze war eine spezifische Mischung aus jugendlichem Abenteuer, Spionageroman und rechtsbürgerlicher Staatsschützerei, wie die im folgenden abgedruckten Berichte von mir und Adrian Rüesch zeigen. Ich habe mich mit den darin erwähnten Personen der Linken in Verbindung gesetzt, und wir werden versuchen herauszufinden, welchen Weg die verschiedenen Informationen genommen haben. Ins Cincera-Archiv an der Englischviertelstrasse? Ins Archiv des kantonalen Nachrichtendienstes? Oder direkt zur Bupo? Es wird wohl noch einige Zeit vergehen, bis wir diese Fragen beantworten können.

Ob sich Ernst Rüesch, damals FDP-Gemeinderat in Rorschach, noch daran erinnern kann, dass er in seinem Auto die jungen Spitzel zum Einsatzort fuhr? Es hat jedenfalls 19 Jahre gedauert, bis ich wieder einmal in seinem Auto sass. Ich hatte in Nesslau den letzten Zug verpasst, und er fuhr mich nach St. Gallen, nachdem wir an einer Podiumsdiskussion gegeneinander angetreten waren. Er war mittlerweile Brigadier und FDP-Ständerat, ich SP-Sekretär und Kantonsrat. Das Thema hiess: «Eine Schweiz ohne Armee?» und Rüesch erzählte auf der Fahrt von seiner Arbeit in der PUK…

Ernst Rüesch, im Jahr des Studentenprotests 40jährig, von 1972-88 St. Galler Erziehungsdirektor, hervorragender Exponent des militärisch-pädagogischen Komplexes, Brigadier, seit 1987 FDP-Ständerat – und seinerzeit Spitzel-Chauffeur.

Ernst Rüesch, im Jahr des Studentenprotests 40jährig, von 1972-88 St. Galler Erziehungsdirektor, hervorragender Exponent des militärisch-pädagogischen Komplexes, Brigadier, seit 1987 FDP-Ständerat – und seinerzeit Spitzel-Chauffeur.

f0082-01

f0083-01

f0084-01

 

Dieses buch & netz Online-Buch basiert auf dem Werk «Schnüffelstaat Schweiz» welches im Jahre 1990 vom Komitee Schluss mit dem Schnüffelstaat im Limmat Verlag Zürich publiziert wurde und mittlerweile vergriffen ist. Die Inhalte des Buches werden mit freundlicher Genehmigung des Limmat Verlages und des Vereins grundrechte.ch, der Nachfolgeorganisation des Komitees Schluss mit dem Schnüffelstaat, online der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Alle Rechte vorbehalten – © 1990 Limmat Verlag Genossenschaft, Zürich

Dieses Buch kaufen
No comments yet.

Schreibe einen Kommentar