Top Navigation

Die Bachmannschaften des EMD

Schnüffelstaat Schweiz

Hundert Jahre sind genug

von

 

Gerardo Zanetti

Die Bachmannschaften des EMD

Die Fiche Bachmann Albert

«Wäre ich seinerzeit von der Armee verstossen worden, wäre ich damals für unser Land sehr gefährlich geworden.» Solches gestand Albert H. Bachmann in seinem feudalen Landhaus zu Riggisberg BE seinem Bekannten Ulrich Kägi, dem ehemaligen Parteifunktionär der PdA, welcher sich anno 1980 in einem Artikel in der Weltwoche daran erinnerte. «Vom Proletarierbub zum Obersten im Generalstab: Die ungewöhnliche Karriere des Albert Bachmann» hatte Kägi getitelt und der staunenden Öffentlichkeit das Rührstück vom Flachmalersohn Albert aus dem ehemaligen Zürcher Proletenviertel Kreis 3 aufgetischt, der es vom revolutionären Jungkommunisten zum leibhaftigen Obersten der Schweizer Armee gebracht hatte.

Dass es in den Beständen des EMD schon sehr früh eine Fiche Bachmann Albert gab, wurde dem Konvertiten schmerzhaft bewusst, als er 1949 Korporal werden wollte. Seine Vorgesetzten rieben dem Proletarierbub eine Polizeibusse von Fr. 14.50 «wegen politischer Agitation» unter die Nase und liessen ihn drei Jahre lang warten, bis er endlich Unteroffizier werden durfte und damit die erste Stufe jener Leiter erklimmen konnte, die ihn in luftige Höhen trug.

Doch schauen wir uns die Fiche Bachmann Albert – soweit nicht abgedeckt oder im Spionagefilz verdunkelt – von vorne an.

Bachmann Albert Heinrich, des Bachmann Albert, Flachmaler, und der Maria Peer, geboren am 26. November 1929 in Albisrieden ZH als erster von drei Söhnen. Vater kränklich und oft arbeitslos. Häufiger Wohnungswechsel wegen Mietzinsproblemen. Unterstützung durch das Fürsorgeamt. Mutter Maria, in Zürich aufgewachsen, aber irischer Abstammung, erzieht die drei Buben katholisch. ‹Bert›, der Erstgeborene, tritt denn auch bei den katholischen Pfadfindern St. Georg ein, wechselt aber bald zu den sozialdemokratischen Roten Falken, bis er schliesslich bei der kommunistischen Freien demokratischen Jugend eine erste politische Heimat nach seinem Geschmack findet. Reise nach Moskau an Väterchen Stalins ‹Jugendfestival›. Lehre als Buchdrucker.

Kägi erinnert sich an einen Lenin-Vortrag des Junggenossen Bert im Weissen Saal des Zürcher Volkshauses und an die «lebendigen, gefitzten Augen» des feurigen Jungproleten, der sich durch besonderen Lerneifer und Aktivismus hervorgetan hat.

Während ‹Biograph› Kägi den Klassenwechsel erst nach dem Ungarnaufstand anno 1956 vorgenommen hat, wechselt Albert bereits 1948 anlässlich der kommunistischen Machtergreifung in der Tschechoslowakei Hemd und Hose. Der Kalte Krieg ist ausgebrochen, und Bachmann will mit dabei sein. Er meldet sich bei den Grenadieren in Losone, absolviert die RS und kann mit drei Jahren Verspätung Korporal werden und schliesslich sogar die Offiziersschule besuchen. Dabei entsteht ein für die schweizerische Offizierskaste eher untypischer Offizier. Laut Kägi «vagabundiert» Albert anschliessend als Gelegenheitsjobber und Hilfsmatrose durch die Welt und kehrt lediglich zwecks Geldverdienen und Militärdienst für kurze Perioden in die Heimat zurück.

Mitte der fünfziger Jahre aber wird Albert sesshaft und versucht, dem EMD ein Buch über den ‹Ortskampf› anzudienen. Bern lehnt dankend ab, aber Bachmann bleibt am Ball. Im Auftrag der Gruppe für Ausbildung im EMD zeichnet er 1958 als Redaktor und Gestalter des grünen Soldatenbuches und 1965 folgt eine Vorauflage des berüchtigten roten Büchleins Zivilverteidigung, im Auftrag des Bundesrates verfasst, aber im Bachmann-eigenen Miles-Verlag zu Aarau herausgegeben. Die Auflage von 1969 erreicht 2,1 Millionen. Es ist das bisher übelste Machwerk, das je im Auftrag des Bundesrates dem Schweizer Volk zugemutet wurde. Bachmann trug es – nach eigenen Angaben – gute 900000 Franken Tantiemen ein. Im Kapitel ‹Die zweite Form des Krieges› werden die fiktiven Herren Erich Quiblinger und Adolf Wühler als Drahtzieher eingeführt, die sich unter anderem solch naiver Leute wie der Mitglieder der Fortschrittlichen Friedenspartei, der Volkstanzgruppe Maisänger, des Schachclubs Südquartier und gar des Hilfswerks für gefährdete Jugendliche und «ähnlicher zellenverdächtiger Organisationen» bedienen, um die Schweiz zu untergraben und dem Feind auszuliefern. Alles, was auch nur entfernt nach links riecht, ist von richtigen Schweizern als ferngesteuert, subversiv und staatsfeindlich zu betrachten.

Offizier Albert kann brauchen, was Jungproletarier Albertli gelernt hat. In seinem roten Büchlein zeichnet er das Organigramm eines «revolutionären Kampfapparates», dessen Zentrale selbstverständlich im Ausland sitzt, die aber durch Propaganda, Spionage, Sabotage und Terror sowie durch im Untergrund funktionierende Zellen (in «Behörden, Verwaltungen, Presse, Radio, Fernsehen usw.») der Schweiz an den Kragen will. Für Bachmanns direkten Auftraggeber und Vorwort-Verfasser, den EJPD-Vorsteher Bundesrat Ludwig von Moos, muss das Büchlein ein gefundenes Fressen gewesen sein, hatte er doch während des Zweiten Weltkrieges als alleinverantwortlicher Redaktor des Obwaldner Volksfreundes noch 1942 den bemerkenswerten Satz abgedruckt: «Herr Dr. Goebbels kann versichert sein, dass wir innigst beten, der Herrgott möge den Bolschewismus nicht über ganz Europa hereinbrechen lassen.»

Der Herrgott muss das Gebet des Obwaldner Volksfreundes erhört haben, denn hereinbrach nicht der Bolschewismus, sondern die Sicherheitsparanoia1, eine Eiterbeule des Kalten Krieges, die sich in kürzester Zeit als neue Gesamtverteidigungsdoktrin durchsetzte.

1963 – das rote Büchlein war damals schon in Arbeit – tritt Albert Bachmann als Berufsoffizier in den Instruktionsdienst der Armee. Obwohl Infanterist, wird er Instruktor der Panzertruppe in Thun. Wer ihn – ohne den obligaten Probedienst – dort hineingesponsert hatte, wurde nicht bekannt. 1964 Eintritt in den Generalstabskurs. Zwischendurch lässt er sich freistellen, um im Biafra-Sezessionskrieg angeblich im Auftrag der Caritas zu wirken. Statt um Humanitäres kümmert er sich aber vorwiegend um Geheimes und verfasst unter dem Pseudonym Henry Peel journalistische Berichte, die einige Verwirrung stiften. Wer damals seine wirklichen Auftraggeber waren – ob das EMD, der britische oder/und der französische Geheimdienst und/oder private Geldgeber -, ist auf der Fiche Bachmann Albert bis heute nicht aufgedeckt worden.

Wieder in der Schweiz, wirkt er weiter als Instruktionsoffizier. Mit dem roten Büchlein verdient er sich nebenbei eine goldene Nase und lacht sich einen hochherrschaftlichen Landsitz im bernischen Riggisberg an, inklusive Gestüt für sonntägliche Kutschenfahrten. Sein Büchlein gerät zwar unter heftigen publizistischen Beschuss, was aber beispielsweise einen Generalstabschef Hans Senn nicht hindert, in Bachmann Albert einen «Pioniergeist, eine Künstlernatur» zu sehen. Was wohl mehr über das Kunstverständnis höherer Militärs als über Albert Bachmann aussagt.

Bachmann Alberts grosse Stunde schlägt am 1. Januar 1973. Inzwischen hat er den Thuner Kasernenmief definitiv hinter sich und sitzt nun in der EMD-Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr (UNA), ausgerüstet mit dem Auftrag, ein «nachrichtendienstliches Organisationsprojekt auszuarbeiten». Es handelt sich dabei um den Besonderen Nachrichtendienst mit dem Auftrag, Nachrichten auch auf Wegen zu beschaffen, die ein «erhöhtes Risiko», zum Beispiel die «Verletzung fremder Rechtsnormen», darstellen. Auf deutsch: aktive Auslandspionage.

Das ist ein halbes Jahr, bevor zu Bern der «Bericht des Bundesrates an die Bundesversammlung über die Sicherheitspolitik der Schweiz» dem Parlament vorgelegt wird, jener Bericht, der eher diffus und wohl nur für Insider erkennbar die Schaffung einer Geheimarmee ankündigt. Originalton Bundesrat: «Aber alle Möglichkeiten, günstige Voraussetzungen für den aktiven Widerstand zu schaffen, müssen frühzeitig erkannt werden.» Die Tatsache, dass das Parlament dem Bericht zustimmt, wird noch am 16. März 1990 in der NZZ in einen «klaren Auftrag» des Parlaments an den Bundesrat umgemünzt, den «bewaffneten Widerstand gegen eine Besatzungsmacht» zu organisieren. Als ob das nicht die Aufgabe der Armee wäre. Die Schweiz dürfte das bisher einzige Land der Welt sein, das neben der regulären Armee eine Geheimarmee gegen einen Feind aufgebaut hat, der weit und breit nirgends zu erblicken ist. Es sind in der Geschichte jedenfalls keine Beispiele von Guerilla- oder Resistance-Armeen bekannt, die gegen einen imaginären, beziehungsweise irgendeinmal möglichen Feind entstanden sind. In – vorwiegend lateinamerikanischen – Ländern, in denen es zusätzlich zur regulären Armee noch Geheimarmeen gibt, werden letztere Todesschwadronen genannt und gegen den ‹inneren Feind› eingesetzt, in der Regel die organisierte Arbeiterschaft und die politische Opposition.

Was die «Künstlernatur» Bachmann im Zivilverteidigungsbüchlein fantasiert hat, das kann er nun zügig an die Hand nehmen. Unter seiner Führung geht der UNA-Spezialdienst daran, die Infrastruktur dieser Geheimarmee zu konzipieren und das Personal zu rekrutieren. Gefragt sind zirka 2000 vaterländisch gesinnte Leute aus allen Volksschichten, die nach dem Schneeballprinzip ausgesucht werden. Wer Mitglied der Geheimarmee ist, empfiehlt andere Leute seines Vertrauens und diese ihrerseits wieder andere.

Die Kontrolle über die vaterländische Gesinnung, Zuverlässigkeit und Verschwiegenheit dieser Leute hat vor allem einer: Albert Bachmann. Ehemalige Mitglieder, die sich bisher – inkognito – äusserten, sprechen teils von eher pfadihaften Zuständen in dieser Geheimarmee, andere aber wollen im knallharten Sabotage-Business ausgebildet worden sein und sogar die Kunst des ‹silent killing›, des lautlosen Tötens in James-Bond-Manier, gelernt haben. Nach Aussagen eines Ex-Geheimdienstoffiziers, der (inkognito) gegenüber derSchweizerischen Depeschenagentur (SDA) auspackte, nahmen auch Botschaftsangehörige von Drittstaaten, israelische Agenten und Sicherheitsbeauftragte von Grossfirmen an Kursen von Bachmanns Geheimarmee teil. Die letzte Aussage ist belegt durch eine Bachmannsche Aktennotiz: «BBC (…) hat Teilnehmer für Kurs I angemeldet, ohne Schiess- und Nahkampftraining. Aus geschäftspolitischen Gründen wurde folgender Preis vereinbart: Fr. 900.- (statt 980.-).»

Der Mann, von dem Bundesrat Georges-André Chevallaz später (als jener – mindestens offiziell – weg vom Fenster war) sagte, er habe «zu viele Kriminalromane gelesen», ist jetzt voll in seinem Element. Gedeckt von seinen Vorgesetzten entfaltet er seine Aktivitäten auf mehreren Ebenen: staatlichen, halbstaatlichen und privaten. 1975 übernimmt Bachmann die Überreste des Büro Ha von Hans Hausammann, einer privaten Nachrichtenbörse, die während des Zweiten Weltkrieges gute Dienste geleistet hat, indem sie die Schweiz und die Alliierten (inklusive Sowjetunion) mit wichtigen Informationen über Pläne und Projekte des Deutschen Reichs beliefern konnte und entsprechend mit Nachrichten beliefert wurde. Ein Jahr später wird Bachmann Chef der Sektion Spezialdienst der UNA mit dem Auftrag, «günstige Voraussetzungen für den aktiven Widerstand gegen eine Besatzungsmacht in der Schweiz» zu schaffen. Zu diesem Zeitpunkt sind die Grenzen zwischen der privaten Organisation Bachmann (OB), die vorwiegend über Tarnfirmen (zum Beispiel die Zürcher Insor Holding, in der auch ein Schwager von Generalstabschef Senn sass) operierte, der Geheimarmee des Spez D und des Besonderen Nachrichtendienstes bereits gründlich verwischt.

Zahlreiche ‹private› Mitarbeiter Bachmanns waren sowohl für die OB als auch für den Spezialdienst und den Besonderen Nachrichtendienst im Einsatz. Vom Bund angestellte untere Chargen innerhalb der UNA wussten oft nicht, für wen sie gerade irgend etwas zu erledigen hatten. Ebenfalls auf eigene Faust kaufte Bachmann im irischen Skibbereen das Hotel Liss Ard House und baute es – für den Fall einer Besetzung der Schweiz – zur Zufluchtsstätte für «drei bis vier» Bundesräte aus. Es war vorgesehen – so behaupten jedenfalls ehemalige Mitarbeiter Bachmanns -, im Falle einer Besetzung der Schweiz die ‹roten› Sozialdemokraten zu Hause zu lassen.

PUK 2: Bericht über EMD-Dienste bis Herbst 1990

In der März-Session 1990 formulierten National- und Ständerat folgenden Auftrag für die PUK 2:

«Gegenstand der parlamentarischen Untersuchung bildet die Tätigkeit jener Gruppen, Untergruppen und Ämter des Eidgenössischen Militärdepartementes, die sich mit dem Nachrichtendienst, mit der Abwehr, mit der Vorbereitung von Notstandsmassnahmen und mit der Führung von Personaldateien befassen oder befasst haben. Im Rahmen dieses Auftrages umfasst die Untersuchung auch die Tätigkeit von Ämtern und anderen Stellen innerhalb und ausserhalb des Eidgenössischen Militärdepartementes. (…) Die Kommissionen erstatten den beiden Räten spätestens für die Herbstsession 1990 Bericht.»

Der PUK 2 gehören je fünf Stände- und NationalrätInnen an. Präsident ist Ständerat Carlo Schmid (CVP, Appenzell-Innerrhoden), Vizepräsident Werner Carobbio (SP, Tessin). Der Ständerat delegierte weiter Robert Ducret (FDP, Genf), Bernhard Seiler (SVP, Schaffhausen) sowie Esther Bührer (SP, Schaffhausen); der Nationalrat Anton Keller (CVP, Aargau), Willy Loretan (FDP, Aargau), Hanspeter Thür (GPS, Aargau) sowie Max Dünki (EVP, Zürich). Wer von Vorgängen Kenntnis hat, die den Auftrag der Kommission betreffen, kann Hinweise richten an Carlo Schmid, Präsident PUK 2, 3003 Bern.

Am 1. Januar 1978 wird Bachmann zum Oberst i Gst befördert. Zu diesem Zeitpunkt ist in der UNA bereits der Teufel los. Ein halbes Jahr zuvor schon hatte Bachmann-Mitarbeiter Hauptmann Urs Nuber bei Oberst Hoffet, dem Chef der Abteilung Nachrichtendienst, angefragt, was es eigentlich mit der kommunistischen Vergangenheit von Bachmann auf sich habe. Das hätte er besser nicht getan. Hoffet wollte sofort wissen, wer Nubers ‹Informant› sei, und versuchte gar, ihn zur Kündigung zu zwingen. Nuber wurde von der Nachrichtenabteilung zum EMD-Rechenzentrum straf versetzt.

Ob Bachmann mit den Nachrichten, die ihm in seiner Tripel-Funktion zukamen, zwecks persönlicher Bereicherung Handel trieb, konnte ihm nie konkret nachgewiesen werden. Gerüchte, wonach er beispielsweise über den französischen Nachrichtendienst SDECE mit iranischen Schah-Geldern und aus einem südafrikanischen Geheimfonds gespiesen wurde, sind indessen nie verstummt. Aktenkundig ist aber, dass Bachmann sowohl für seine private Organisation wie für die beiden staatlichen Dienste immer aus dem Vollen schöpfen konnte.

Der Fall Kohlschiitter, ein Fall Wegmüller

20. Februar 1990. Innerhalb einer Rundschau-Sendung des Fernsehens DRS tritt Rundschau-Redaktor Andreas Kohlschütter in eigener Sache auf. Er sei, berichtet er der staunenden Öffentlichkeit, als Miliz-Nachrichtenoffizier der UNA nicht nur aufgefordert worden, von seinen journalistischen Auslandreisen ganz bestimmte Informationen nach Hause zu bringen, sondern sei auch gebeten worden, gegen Geld die Schweizerische Journalistinnen- und Journalistenunion (SJU) sowie die Schweizerische Friedensbewegung zu bespitzeln. Bittsteller, so stellte sich inzwischen heraus, war Oberstleutnant Hans Wegmüller, Chef der Sektion Beschaffung in der UNA, und das Angebot sei bei einem ‹splendiden› Mittagessen in einem Murtener Hotel gemacht worden.

Kohlschütter hat das Ansinnen abgelehnt und war empört darüber, dass man von einem Journalisten annahm, er sei bestechlich und bereit, die eigenen Berufskollegen zu bespitzeln. Abgelehnt habe er schon einmal ein Angebot, auf einer journalistischen Auslandreise «sehr, sehr spezifische» Nachrichten zu beschaffen. Beim Land handelte es sich um Moçambique, und wer an «sehr, sehr spezifischen Nachrichten» aus Moçambique am meisten Interesse hat, dürfte klar sein: das Rassistenregime in Pretoria. Jedenfalls ist bis heute nicht bekannt geworden, dass das Hungerland Moçambique kriegerische Pläne gegenüber der Schweiz ausarbeitet und Bern dringend auf spezifische Nachrichten aus diesem Land angewiesen wäre.

Noch eine Woche vor Kohlschütters Rundschau-Auftritt hatte EMD-Bundesrat Kaspar Villiger im Brustton der Überzeugung erklärt, es gebe im EMD keine Schnüffelorganisation, die Schweizer Bürger bespitzle. Entsprechend sauer reagierte er vor dem Parlament auf die Enthüllungen Kohlschütters. Er mokierte sich über das «zarte Gewissen des Herrn Kohlschütter» und sagte, es störe ihn, dass bei solchen Fernsehauftritten ein grosser Teil der Öffentlichkeit davon ausgehe, dass das Vorgebrachte wahr sei. Womit er sozusagen den Nachrichtenhauptmann Kohlschütter und die Rundschauredaktion als potentielle Lügner hinstellte.

Wer immer sich für die Aktivitäten, Beziehungen und Geschäfte des Albert Bachmann interessierte, wurde hart angepackt, versetzt oder beurlaubt und militärgerichtlich verfolgt. Alle Ansätze zur Kritik an Bachmann wurden höchstinstanzlich abgeblockt. Bachmann galt intern als besonderer Protégé von Generalstabschef Senn und Divisionär Carl Weidenmann. Und EMD-Vorsteher Bundesrat Rudolf Gnägi, in dessen Amtszeit die meisten bisher bekannten UNA-Affären fielen, hatte entweder von Tuten und Blasen keine Ahnung oder tat mindestens so.

Das offizielle Aus für den ehemaligen Proletarierbub Bachmann kommt Ende 1979 mit der Affäre Schilling, jenem unbedarften Spion, der von Bachmann nach Österreich (früher schon nach Deutschland und Italien) geschickt und dort vom österreichischen Abwehrdienst verhaftet und abgeurteilt wurde. Zurück in der Schweiz, wurde Kurt Schilling erneut verhaftet und wegen Geheimnisverrat (gegenüber der österreichischen Abwehr) angeklagt. Sein Chef und Auftraggeber Bachmann Albert aber tritt, ausgerüstet mit einer Pension, im «gegenseitigen Einvernehmen» aus den Staatsdiensten aus und taucht erst anno 1990 wieder aus der Versenkung auf, um mit gezielten Auftritten in Presse, Radio und Fernsehen im Fichenskandal mitzumischen.

Den Beweis für die schonende Behandlung des Bachmann Albert und der demokratischen Denkart in höheren Armee-Chargen lieferte UNA-Divisionär Richard Ochsner, als er nach dem Auffliegen der Affäre Bachmann/Schilling persönlich Parlamentarier anschrieb und bat, «von einem parlamentarischen Vorstoss Abstand zu nehmen». Denn es «nagt sich vor allem der Recherchierjournalismus immer mehr Richtung Zentrum durch», was die Gefahr beinhalte, den «unter schwersten Bedingungen arbeitenden schweizerischen Nachrichtendienst noch mehr zu schädigen».

f0149-01

Vor der PUK II, sagt Albert Bachmann, werde er dann wirklich auspacken. Mal sehen, ob sich dannzumal die Fiche Bachmann Albert etwas schärfer ausleuchten lässt. Ebenfalls auspacken will vor der PUK II Gewerkschaftssekretär und SP-Nationalrat Sepp Stappung, der – ohne Wissen seiner Partei – zusammen mit drei bürgerlichen Parlamentariern in einem geheimen Beirat zu dieser Widerstandsorganisation sass – ein Gremium, das in der Ära Bachmann als Rewi-Kommission (Résistance und Widerstand) ins Leben gerufen worden war.

Anmerkungen:

1Brockhaus Enzyklopädie: «Paranoia-eine als selbständige ‹Wahnkrankheit› aufgefasste Seelenstörung. Ausser dem Wahn zeigen die Kranken oft wenig andere Krankheitszeichen und sind in ihrer Persönlichkeit wohlerhalten. Der Wahn ist meist zu einem in sich logischen System ausgebaut und durch Gegeneinwände nicht zu entkräften. Manche Kranke (z. B. mit Verfolgungswahn) können gemeingefährlich sein…»

 

Dieses buch & netz Online-Buch basiert auf dem Werk «Schnüffelstaat Schweiz» welches im Jahre 1990 vom Komitee Schluss mit dem Schnüffelstaat im Limmat Verlag Zürich publiziert wurde und mittlerweile vergriffen ist. Die Inhalte des Buches werden mit freundlicher Genehmigung des Limmat Verlages und des Vereins grundrechte.ch, der Nachfolgeorganisation des Komitees Schluss mit dem Schnüffelstaat, online der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Alle Rechte vorbehalten – © 1990 Limmat Verlag Genossenschaft, Zürich

Dieses Buch kaufen
No comments yet.

Schreibe einen Kommentar