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Natürlich gehören geisteswissenschaftliche Editionen ins Internet

Wilhelm_Amberg_Vorlesung_aus_Goethes_WertherEin Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Zürich, Wolfram Groddeck stellt im Feuilleton der NZZ die im Jahre 2014 etwas grotesk klingende Frage, ob geisteswissenschaftliche Editionen ins Internet gehören. Im Prinzip könnten wir hier einfach kurz und bündig „Ja, natürlich“ schreiben und es dabei belassen. Da der Beitrag sich in eine Reihe von nicht Enden wollenden „Aufschreien“ gegen die vernünftige Entscheidung des Schweizerischen Nationalfonds, seine Unterstützung künftig mit der Bedingung einer Open-Access-Publikation zu verknüpfen, reiht, wollen wir hier doch noch ein paar Worte mehr dazu verlieren.

Ein Argument gegen die Open-Access-Entscheidung lautet, dass es nicht Sache des Geldgebers sei, darüber zu bestimmen in welcher Form eine Publikation zu erfolgen habe, sondern diese Entscheidung den Wissenschaftlern und den Verlags-Fachleuten zu überlassen sei. Dazu müssen wir uns fragen, warum der Staat eigentlich wissenschaftliche Arbeiten mit Geld unterstützt? Weil die Wissenschaft der Gesellschaft nützt und zwar indem die Erkenntnisse, die der – durch die öffentliche Hand finanzierte – wissenschaftliche Betrieb hervorbringt, möglichst vielen Menschen zur Verfügung stehen. Mit dem Internet, dem World Wide Web um genauer zu sein, haben wir nun ein Werkzeug zur Hand, welches die Verbreitung und die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnis um ein vielfaches effizienter ermöglicht als der Buchdruck. Darum wollen konsequenterweise die Förderstellen auf der ganzen Welt sicherstellen, dass dieses neue technologische Werkzeug auch genutzt wird. Es wird hier in keiner Art und Weise auf die wissenschaftliche Arbeit an sich Einfluss genommen, sondern nur gefordert, dass das was durch die Öffentlichkeit finanziert ist, dieser auch uneingeschränkt und effizient zur Verfügung stehen soll.

Weiter im Beitrag erklärt der Autor, dass Texte in elektronischer Form zwar hilfreich sein können, allerdings höchstens als Ergänzung zum gebundenen Papier. Nur das gedruckte Buch ermögliche den wahrhaften Zugang zum literarischen Inhalt:

Das Studium des literarischen Textes wird indes durch das Buch besser gewährleistet, in einem tieferen Sinne sogar erst ermöglicht. Die digitale bzw. nur digitale Textaufbereitung dekonzentriert hingegen das reflektierende und meditierende Lesen. Das haben Studien zum Leseverhalten gezeigt, das zeigt die alltägliche Erfahrung in Forschung und Lehre – und das sagt einem auch der gesunde Menschenverstand.

Das ist natürlich Blödsinn. Millionen von Menschen auf der Ganzen Welt, inklusive meiner Wenigkeit, lesen mittlerweile alle ihre Bücher auf  Tablets, E-Readers oder anderen elektronischen Endgeräten. Es gibt überhaupt keinen Grund, dass das Leseerlebnis eines Buches auf dem Tablet qualitativ schlechter sein soll, als wenn das Buch auf Papier gedruckt ist. Ich kann ja irgendwie noch verstehen, dass das gedruckte Buch eine Art „heilige Kuh“ der aufgeklärten westlichen Kultur darstellt und wir uns mit Wehmut eine Welt ohne Papier-Bücher vergegenwärtigen, doch sollten wir uns deswegen nicht dazu hinreissen lassen zu behaupten, man könne nur auf Papier „richtig“ lesen.

Es ist übrigens auch nicht so, dass die Forderung nach Open-Access-Publikationen bei Arbeiten, die durch die öffentliche Hand finanziert werden, eine gleichzeitige Ausgabe eines gedruckten Buches verhindern würde. Kein Verlag wir daran gehindert, einer allfälligen Nachfrage nach gedruckten Ausgaben mit entsprechenden Angeboten zu begegnen. Doch auch Herr Professor Groddeck lässt sich dann dazu hinreisen, den Mythos der „Kostenloskultur im Internet“ und das damit verbundene Ende der Verlage anzurufen.

Wenn man in der Euphorie des Alles-umsonst-haben-Wollens die hochkomplexe Urheberrechtssituation und die Bedeutung der Verlage einfach beiseiteschiebt, dann wird man bald keine Verlage mehr haben.

Dazu möchten wir festhalten, dass es auch bei Open-Access-Publikationen noch viel Arbeit für die Verlage gibt. Niemand, auch nicht der Schweizerische Nationalfonds stellt die Existenz der Verlage in Frage. Es geht nur darum, die Geldflüsse umzugestalten und den neuen Möglichkeiten, die das Internet für die Erreichung des  geselleschaftlichen und wissenschaftlichen Zieles, der Verbreitung des Wissens, bietet, besser Rechnung zu tragen. Wer dagegen ernsthaft und in dieser Hysterie, wie wir sie derzeit erleben, Einwände erhebt, muss sich nicht wundern, wenn man ihm unterstellt, dass es ihm dabei eher um das Bewahren von althergebrachten Prozessen, als um das Erreichen von gesellschaftlichen Zielen geht.

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