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Was ist Postdemokratie?

Wenn wir beim Lesen des folgenden Zitates an die derzeit laufenden Verhandlungen zum Transatlantischen Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU (TTIP) denken, oder an den Runden Tisch des Schweizerischen Staatsekretariats für Wirtschaft SECO mit der US-Amerikanischen Unterhaltungsindustrie, dann scheint mir das richtig zu sein. Es deutet vieles darauf hin, dass die Bürger und Bürgerinnen zunehmend zu machtlosen Arbeits- und Konsummaschinen degradiert werden. Dabei wird mit allen Mitteln versucht die Illusion aufrecht zu halten, dass die Menschen sich in einer freien Gesellschaft befänden, obwohl sie eigentlich längst als neue Untertanen ihr Dasein fristen müssen.

Colin Crouch hat die Postdemokratie im ersten Kapitel seines gleichnamigen Werkes folgendermassen Beschrieben:

«Der Begriff bezeichnet ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden, Wahlen, die sogar dazu führen, dass Regierungen ihren Abschied nehmen müssen, in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, dass sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem ma nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben. Die Mehrheit der Bürger spielt dabei eine passive, schweigende, ja sogar apathische Rolle, sie reagieren nur auf die Signale, die man Ihnen gibt. Im Schatten dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen gemacht: von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten.» (Colin Crouch, Postdemokratie, 2008, S.10)

Politik wurde natürlich schon immer von Eliten gemacht und im Gegensatz zu der Zeit zwischen dem zweiten Weltkrieg und dem Ende des kalten Krieges, verfügen heute Organisationen der Zivilgesellschaft, insbesondere auf internationaler Ebene, über mehr Einfluss auf die Gesetzgebungsprozesse als früher. Und trotzdem bewegen sich die meisten Demokratien immer weiter weg von ihren eigenen Bürgern, was vor allem damit zu tun hat, dass immer mehr politische Entscheidungen, die direkt in die persönlichen Lebensbereiche einwirken, immer weiter oben in der Entscheidungshierarchie und dort oft nicht durch Parlamente, sondern durch Verwaltungen bzw. Exekutiven, getätigt werden.

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One Response to Was ist Postdemokratie?

  1. postdemokratie.de 4. Juli 2016 at 09:13 #

    Das Konzept der Postdemokratie erscheint heute aktueller und zutreffender denn je. Ein zur Kritiklosigkeit erzogenes Wahlvolk, eine quasi religiöse Bedeutung der ‚Märkte‘, ein konsequenzloses Polit-Spektakel in den Medien – es ist der Traum der Besitzenden, auf Kosten einer großen Mehrheit.

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